Die Wissenschaft der Epidemiologie untersucht die Entstehung und Verbreitung bis hin zur Bekämpfung von Epidemien und Massenkrankheiten. Im Fokus stehen dabei auch die sozialen Folgen und Zivilisationsschäden der Krankheit. Wie bei jeder anderen Erkrankung auch, stellen Prävalenz und Inzidenz anhand der weltweit registrierten Fälle die Eckpfeiler der epidemiologischen Beurteilung der Lepra dar.

Die genaue epidemiologische Erfassung der Lepra stellt jedoch eine ganz besondere Herausforderung dar. Denn Lepra ist eine Krankheit, deren Entstehung und Verbreitung sich nur schwer nachvollziehen lässt. Die Besonderheiten liegen zum einen in der langen und latenten Infektion bzw. Inkubationsperiode, also der Zeit zwischen der Infektion und dem Sichtbarwerden erster Symptome, zum anderen in der generell niedrigen Manifestationsrate (Anzahl der Erkrankten im Verhältnis zur Zahl der Infizierten). Hinzu kommt eine chronische Morbidität, die während oder sogar nach Abschluss einer erfolgreichen Polychemotherapie auftreten kann. Die Korrelation zwischen registrierter und wirklicher Prävalenz (Link zum Glossar, falls es das noch gibt? ) bzw. Inzidenz (Link zum Glossar, falls es das noch gibt?) ist unbekannt.

Trotz dieser methodologischen Schwächen gilt die anhand der registrierten Fälle kalkulierte Inzidenz als der beste Marker für die Erfassung der epidemiologischen Dynamik von Lepra. Dies steht in gewissem Widerspruch zur Politik der WHO, die den Schwellenwert für effektive Seuchenkontrolle bzw. Elimination der Erkrankung bei einer registrierten Prävalenz von 1/10.000 Einwohnern ansetzt. Die überwiegende Mehrheit der neuen Fälle wird in drei Ländern registriert: Brasilien, Indien und Indonesien. Die folgende Graphik illustriert die registrierten Inzidenzraten pro Land:

Leprosy prevalence rates, data reported to WHO as of January 2012
Leprosy prevalence rates, data reported to WHO as of January 2012
Grafik: WHO

Trotz der weltweiten Verfügbarkeit einer effektiven Polychemotherapie seit mehr als 30 Jahren verzeichnet die weltweite Prävalenz und Inzidenz der Lepra seit 2005 ein Plateau. Die folgende Graphik illustriert den Trend der beiden Parameter im letzten Jahrzehnt:

Trotz weltweit Verfügbarer Polychemotherapie verzeichnet die weltweite Häufigkeit und Neuerkrankungen der Lepra seit 2005 ein Plateau.
Trotz weltweit Verfügbarer Polychemotherapie verzeichnet die weltweite Häufigkeit und Neuerkrankungen der Lepra seit 2005 ein Plateau.
Grafik: Lepra.org.uk

Es könnte vermutet werden, dass dieses Plateau der intensiveren Aktivität der Kontrollprogramme zuzuschreiben sei und mag daher seinerseits positive Aspekte der wirklichen Entwicklung verschleiern. In der Tat sei in den meisten Ländern ist der von der WHO-angestrebte Schwellenwert der registrierten Prävalenz von 1/10.000 Einwohnern erreicht worden. Allerdings ist das konstante Aufkommen neuer Erkrankungen unter Kindern (9,2% der weltweit registrierten Fälle), eher als ein Indiz für eine fortbestehende und nicht unterbrochene Transmission der Erkrankung zu verstehen. In Zusammenschau mit dem eher konstanten globalen Prozentsatz der Patienten, die bei der Erstdiagnose schon sichtbare Behinderungen aufweisen (Grade II disabilities) besteht eher der Verdacht, dass die Kontrollprogramme suboptimal funktionieren. Aufgrund dieser epidemiologischen Daten sowie der schwindenden Ressourcen und Expertise weltweit, gehen eigentlich viele Lepra Experten eher von einer systematischen Untererfassung der Lepra Inzidenz und Prävalenz aus.

Zusammengefasst:

Laut Weltgesundheitsorganisation WHO gilt die Krankheit Lepra als „eliminiert“. So rückt sie leider immer weiter aus dem Fokus der Gesundheitspolitik heraus. Um so schwieriger ist es für Hilfsorganisationen wie die DAHW Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe, an Fördermittel zu kommen um weiter zu helfen. Denn obwohl die Krankheit Lepra dank dem medizinischen Fortschritt heilbar ist, gibt es immer noch zahlreiche Neuerkrankungen. Hinzu kommen die durch die Krankheit entstandenen Behinderungen und die sozialen Probleme, unter denen die ehemaligen Patienten leiden müssen.

Die Epidemiologie beschäftigt sich nicht nur mit der Verteilung einer Erkrankung über Ort und Zeit, sondern auch mit weitergehenden Wechselbeziehungen und ihren Folgen. Was das Ansteckungsrisiko betrifft, so gelten inzwischen drei Faktoren für die Übertragung des Erregers als gesichert:

  • enger Kontakt mit einem Infizierten
  • lang andauernder Kontakt mit einem Infizierten
  • hohe Erregerdichte beim Infizierten (Hauptrisiko geht von an lepromatöser Lepra Erkrankten aus - s. u.!)

Ob die Transmission des Erregers zur Erkrankung führt, hängt von der Immunkompetenz des Infizierten ab. Diese ist sowohl durch seine Genetik als auch durch Umweltfaktoren (z. B. Ernährung) geprägt. Beide stehen in komplexer Beziehung auch zur sozioökonomischen Situation des Infizierten. Kurz gesagt: ob und wie schnell sich ein Mensch mit Lepra infiziert, hängt von vielen Faktoren ab. Klar ist jedoch, dass ein direkter Zusammenhang zwischen der sozialen Marginalisierung besteht und die infizierten Menschen an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden.