21. Oktober 2005

Würzburger Fluthilfe: Der Hausbau hat begonnen

Der Wiederaufbau in Südindien geht voran. In Thoothoor, dem Partnerdorf der Würzburger Fluthilfe, wurde jetzt mit dem Bau von 42 neuen Häusern begonnen.

Der Wiederaufbau in Südindien geht voran. Im indischen Fischerdorf Thoothoor, dem Partnerdorf der Würzburger Fluthilfe, wurde mit dem Bau von 42 neuen Häusern begonnen. DAHW-Geschäftsführer Jürgen Hammelehle und DAHW-Projektreferentin Maria Sarkhosch berichten von der Grundstein-Legung:



(Würzburg, 21.10.05) Bei 35 Grad im Schatten schleppen Männer schwere, grob gehauene Steine auf ihren Köpfen. Sie werden für die Grundmauern der Doppelhäuser benutzt, die gerade in Thoothoor entstehen. Bei einigen der kleinen Häuser ist der Baufortschritt schon weiter vorangeschritten: die ersten Reihen Backsteine sitzen exakt auf den Grundmauern. Trotz der Hitze werden die Arbeiterinnen und Arbeiter noch an Arbeitstempo zulegen müssen, denn Ende Oktober und im November droht die Regenzeit, dann kommen die Bauarbeiten kaum mehr voran. Kaum zu glauben, was bei dieser Hitze geleistet wird, aber am 24. Dezember sollen die Häuser stehen und die zukünftigen Bewohner zumindest provisorisch eingezogen sein. Das haben sich die indischen Partner vom Bündnis "Den Fischern eine Zukunft" vorgenommen. Die Weihnachtszeit zum Einzug passt sehr gut, denn fast alle Bewohner in Thoothoor sind Christen und die möchten Weihnachten in ihren eigenen vier Wänden feiern.





Ende Januar hat sich das Würzburger Bündnis nach dem Tsunami unter der Schirmherrschaft der Oberbürgermeisterin Dr. Pia Beckmann zusammengeschlossen. Die Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW), das Missionsärztliche Institut, die Clarentiner-Missionare und die Gemeinschaft der Missionshelferinnen arbeiten mit der Main-Post, dem Unternehmen s.oliver und dem Stadt- und Landkreis Würzburg Hand in Hand, genauso wie auf dieser Baustelle im Bezirk Kanyakumari im Süden Indiens perfekt zusammengearbeitet wird.



Geht man einige Meter weiter, kommt man zum Strand von Thoothoor. Dort ist nicht mehr viel zu sehen von den weggespülten Häusern. Längst hat die indische Regierung den Schutt der vom Tsunami zerstörten Häuser beseitigt und zum Schutz gegen die Wellen einen Wall aus mächtigen Steinen aufgebaut. Durch die Ritzen kann man noch den darunter liegenden Schutt sehen.



Die sichtbaren Spuren der Flut sind beseitigt, aber die seelischen Wunden verheilen nicht so schnell. 150 Familien sind obdachlos geworden und wohnen jetzt größten Teils bei Verwandten oder haben derzeit gar kein Dach über dem Kopf. Wie seit ewigen Zeiten donnern die Brecher gegen den Strand, aber die Menschen haben das Vertrauen in "ihr"  Meer verloren, die Angst sitzt tief seit dem Weihnachtsfeiertag letzten Jahres, seit der Tsunami über sie hereinbrach. Sie meinen, seither sei das Meer verändert, irgendwie würde es mit größerer Wucht hereinbrechen und manche Fische, die sie fangen, kenne man nicht und deshalb wolle sie auch niemand essen. Die Angst kann man gut nachvollziehen, wenn man mit auf eines der Boote geht und über die sich brechenden Wellen ins offene Meer gesteuert wird. Kaum ist man auf dem Wellenberg, stürzt das Boot zwei Meter in die Tiefe ins Tal. Man kann sich nur mühsam festhalten und hat das Gefühl, das Boot sei auf Beton gestürzt und nicht auf Meerwasser. Aber da lachen die Fischer schon entspannt auf, und es geht hinaus auf das fast ruhig anmutende Meer. Auf dem Weg zurück wird die komplette Ladung auf dem Boot angebunden, schließlich geht es durch die Wellen zurück an den Strand und da sind weder der karge Fischfang noch die Menschen auf dem Boot vor Kentern geschützt.



"Thoothoor ist ein besonderes Dorf", so der langjährige DAHW-Repräsentant in Indien, Jayaraj T. Devadas. Die Fischer fahren oft für Wochen hinaus und kommen mit ihren größeren Booten sogar bis an die pakistanischen Hoheitsgewässer. Weit draußen jagen sie Tiefseefische, auch Haie, und verkaufen sie gleich in den größeren Häfen an der indischen Westküste. Die 1.500 Familien in Thoothoor haben großes Glück im Unglück gehabt: der 34-jährige Pater Churchill erzählt, dass er an dem verhängnisvollen 26. Dezember mit jemandem im etwa 40 Kilometer westlich liegenden Dorf Colachel telefoniert habe und von dort die Nachricht über eine Flutwelle, zerstörte Häuser und viele Tote gehört habe. "Deshalb bin ich von der Kirche zum Strand gelaufen und habe gesehen, dass sich auch hier das Wasser zurückgezogen hatte", so der katholische Priester. Und weiter: "Plötzlich war es einen halben Kilometer vom Strand entfernt und wir sind von Haus zu Haus und von Hütte zu Hütte gelaufen und haben allen zugerufen, dass sie sich in Sicherheit bringen sollen." Alle sind um ihr Leben gerannt, deshalb haben wir in Thoothoor zum Glück kein einziges Menschenleben zu beklagen, denn die Flut kam etwa eine Stunde später wie an der westlich gelegenen indischen Südspitze in Kap Komarin - die Stelle, die von vielen das Ende der Welt genannt wird, an dem sich Pazifik und Indischer Ozean trifft. Aber etwa 150 Familien haben ihre Häuser und ihr gesamtes Hab und Gut verloren. Jetzt wird über das Würzburger Partnerprojekt den am meisten Betroffenen ein Neuanfang ermöglicht. Für etwa 250.000 € entstehen die 42 Doppelhaushälften, inklusive kleiner Küche und Toilette und weiterer Infrastruktur. Wenn man hier bliebe, könnte man Tag für Tag sehen, wie die Häuser emporwachsen und die Menschen darauf warten, aus ihren äußerst beengten Wohnverhältnissen herauszukommen und dort einzuziehen. Nur selten sieht man in der Entwicklungszusammenarbeit so direkt die positive Auswirkung der Spenden. Stadt- und Landkreis Würzburg und auch die Karlstadter Bürgerinnen und Bürger, die ein ganzes Sommerfest unter das Motto Tsunamihilfe gestellt haben, können stolz sein über ihre Solidarität, die ankommt. Dies wäre nicht möglich gewesen ohne die ehrenamtliche Hilfe vieler Menschen, die mit kreativen Ideen dazu beitragen, um den "Fischern eine Zukunft" zu ermöglichen. Getoppt wurde die Aktion durch das bei Würzburg ansässige Unternehmen s.oliver, das einen Beitrag leisten wollte für Betroffene in dem Land, in dem es Textilien produzieren lässt.




DAHW-Geschäftsführer Jürgen Hammelehle und DAHW-Projektreferentin Maria Sarkhosh berichten von der Grundstein-Legung.



Auch der Landrat von Kanyakumari ist stolz auf das Bündnisprojekt: "In meinem ganzen Distrikt werden etwa 3.500 vom Tsunami zerstörte Häuser neu gebaut und das Würzburger Bündnis war eines der ersten, die mit der konkreten Planung angefangen haben". Deshalb konnte er schon im August seine Genehmigung für das Baugesuch erteilen, und die Vorbereitung für das Gelände und der Bau konnten beginnen. "Ohne die Hilfe der ausländischen Organisationen würden die Fischer nicht so schnell wieder in Häusern wohnen können - dafür danken wir Ihnen", so der Landrat. Er, der Pfarrer und die Verantwortlichen haben eine weitere weise Entscheidung getroffen: keine Gespräche mit Betroffenen, die eventuell in die Häuser einziehen dürfen. "Dies würde Neid und Missgunst fördern. Davor ist auch ein Fischerdorf nicht gefeit. Deshalb geben wir erst kurz vor Fertigstellung bekannt, wer in die Häuser einziehen darf", so der listige Landrat.



Die DAHW, die das Bündnis koordiniert, arbeitet schon seit vielen Jahren in der Lepra- und Tuberkulosearbeit mit den staatlichen Behörden zusammen. "Wir konnten diesen Vorteil nutzen und haben gleichzeitig unsere Kontakte für die zukünftige Gesundheitsarbeit ausgedehnt", so Devadas. "Jetzt können wir unsere Arbeit auch auf unsere effektive Tsunami-Hilfe aufbauen und neuen Maßnahmen in der Bekämpfung von Krankheiten gemeinsam mit dem Landrat angehen."

Text: Jürgen Hammelehle und Maria Sarkhosh